Dekan Martin Luscher

Dekan Martin Luscher


Sonntag, 11. Juli 2010 - Dekan Martin Luscher

<h2 style="TEXT-ALIGN: justify; MARGIN: 12pt 0cm 3pt">Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis 11.06.2010
Text: Röm.6,3-11</h2>
Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. 10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.
 
 
Liebe Gemeinde,
 
Ich kann das gar nicht anders deuten: wir werden als Christen kraft der Taufe auf den Namen Jesu Christi in eine Macht- und Kraftsphäre eingegliedert, die eine ungemeine dynamische Wirkung freisetzt. Mit einem Kraftbereich, fast möchte man Gleichnisse aus der Physik wählen: dass wir hier in einen Transformator hinein bezogen werden – der uns verwandelt, wie der Begriff ja auch aussagt, und uns nicht die alten Menschen bleiben lässt, die wir vordem gewesen sind. Und dieses Kraftwerk, dieser Transformator ist nichts anderes als die unscheinbare Taufhandlung. ‚Taufe – mehr als man glaubt...‘ Und wir sollten diese Kraft in uns und durch uns einfach wirken lassen. Paulus behauptet nicht mehr und nicht weniger als dies: Die unscheinbare Taufe hat die ungeahnte Kraft, uns christusförmig zu machen. Und er ermutigt uns, dazu auch zu stehen, das ernst zu nehmen und nicht zu banalisieren – wie es in der landläufigen Praxis uns ja immer wieder unterläuft und gewiss auch in Zukunft unterlaufen wird.
 
I
Das zeigt sich im Grund schon daran, wenn wir die Taufhandlung in ihrem Ablauf ernst nehmen und verstehen.
 
Wir haben heute ja auch wieder die Freude, vier Kinder durch die Taufe in die Kirche aufzunehmen. Ich frage mich, was der eigentliche Beweggrund ist, warum Eltern ihre Kinder taufen lassen. Wenn ich mich nicht täusche, wird die Taufe von den Menschen überwiegend als Kindersegnung verstanden – das sieht man schon an den ausgewählten Taufsprüchen. Es sind meistens die Worte, die einen Segen zusprechen. Das ist natürlich auch nicht falsch so. Die Kirche hat ja wohlweislich in ihrer Taufordnung nicht so sehr auf Paulus und unseren Text auf den Römerbrief Bezug genommen, sondern neben dem Taufbefehl aus dem Matthäusevangelium lieber auf die Kindersegnung aus dem Markusevangelium! Und es wird ja auch meist als nett und herzig empfunden, dass wir kleine Kinder segnen, und den Paten eine Kerze in die Hand drücken, die dann am Kindergeburtstag wieder angezündet wird...
 
Das ist, wie gesagt, alles nicht falsch – aber es ist doch auch nur ein Hauch der ganzen Wahrheit, von der der Apostel Paulus hier Zeugnis ablegt. Kein Zweifel, dass wir in unserer landläufigen kirchlichen Praxis die großen biblischen Überlieferungen oftmals auf ziemlich kleine Flaschen abziehen ... Segen, auch die Segnung unserer Kinder, ist doch in diesem Zusammenhang nur recht verstanden, wenn es sich nicht um das Versprechen eines harmonischen, glückenden Lebens handelt, sondern wenn wir uns gepackt und erfasst wissen von dem sterbenden und auferstandenen Jesus und uns in die Dynamik seiner Nachfolge ziehen lassen, ihm gleichförmig zu werden. Das ist eben eine besondere Art von Segen, von Glück und Erfüllung, der wir hier ausgesetzt werden!
 
Wir sind selber getauft – wir alle, und es ist doch sehr die Frage: Was bedeutet uns das? Ist die Taufe der Dynamo meines Lebens? Dafür möchte ich gleichsam werben, sozusagen anzudocken an diesen Dynamo und sich in seinen Strom hineinziehen zu lassen, etwas zu erleben von der verwandelnden Kraft der Teilhabe am Weg Jesu. Meine Zugehörigkeit zu Jesus Christus, wie sie in der Taufe verbürgt ist, ist die Kraftquelle meines Lebens.
 
 
II.
Nun gibt es ja nicht selten den Einwand, dass Menschen sagen: ‚Ja, das möchte ich, diese Kraft spüren!‘ ‚Aber das passiert doch gar nicht, wenn man gleichsam routinemäßig kleine Babies tauft! Da muss doch mein persönlicher Glaube, meine eigene Entscheidung dazu kommen! Da muss man doch auch echt etwas spüren und erleben, sonst ist das doch nur ein leeres Ritual...‘
 
Paulus hatte auch mit Menschen zu tun, denen das persönliche Erleben wichtig war. Er ist aber skeptisch gegen die ‚Erlebnisdimension‘. Er setzt auf Jesus Christus. Er redet, wenn er von der Taufe spricht, nicht davon, dass ich als Täufling, ob groß oder klein, dabei von speziellen Empfindungen erfüllt sein sollte – es ist nicht so, wie heutzutage manche meinen, man müsse dabei besondere Gefühle und religiöse Aufwallungen verspüren, und wenn die abgeebbt sind, kann man sich womöglich wieder taufen lassen. Das geht an der Sache vorbei: Paulus redet von etwas, das der Glaube erfasst, und das ist nicht gleichbedeutend mit meinem Gefühlsleben. Paulus bezieht sich streng auf Jesus Christus und auf sein Ergehen in Sterben und Auferstehung.
 
Die Taufe kann man deswegen auch nicht wiederholen, so wenig wie man das Sterben und Auferstehen Jesu wiederholen kann. Das ist ein einmaliger Vorgang, und in den dynamischen Strudel dieses einmaligen Geschehens werden wir durch die Taufe hineingezogen – einen lebensverändernden Strudel, wie es in der Symbolik der Taufhandlung, die wir nach unserer Tradition nur noch in sehr komprimierter Form nachvollziehen, grundsätzlich nachvollziehbar bleibt – in Untertauchen und Wiederauftauchen, in Sterben und neuem Aufleben.
 
Es ist für unsere neuzeitlichen Gemüter nicht unbedingt leicht verständlich, was sich hier ereignet. Vielleicht wird es klarer, wenn ich so sage: Die Taufe ist gleichsam so etwas wie ein Eigentümerstempel, der mir aufgedrückt wird. Das Buch sagt eigentlich nicht zu mir: ich will dir gehören, bevor der Eigentümer seinen Stempel hinein drückt. Ich nehme es, ja kaufe es, mache meinen Stempel hinein und dann gehört es mir ... und ich gehe, wenn möglich, lebenslang damit um... So werde ich ergriffen von Christus, so gehöre ich ihm, so lebt er mit mir. So ist mein Glaube nichts anderes, als dass ich die Kraft Christi mit mir und an mir arbeiten lasse.
 
 
III.
 Es geht Paulus ja nicht, und es geht auch uns heute eigentlich nicht um die Taufhandlung an sich. Es geht im Grund um so etwas wie Tauferinnerung als Leitlinie meines Lebens. Es ist ein Weg, eine Entwicklung in Richtung auf immer mehr Freiheit. Die Taufe ist ja nicht eine Handlung, die irgendwann einmal in meinem Lebenslauf hinter mir liegt. Sie ist etwas, in das ich zugleich immer tiefer hinein wachsen kann.
 
Wenn Sie vorhin in diese Kirche hereingekommen sind, bewusst oder unbewusst, in der Richtung von Westen nach Osten, von Sonnenuntergang dem Sonnenaufgang entgegen, so hat das Gleichniskraft. Unser Weg als Christen, die aus der Taufe leben, ist ein solcher Weg dem Licht entgegen und lässt immer neu hinter sich, was Paulus mit dem komplexen Begriff als Sünde bezeichnet: alles, was das Leben einschränkt und bedroht; alles was mein Dasein und die Existenz der Menschen verschattet. Und er geht zu auf immer mehr Freiheit, immer mehr Licht und Leben. Das ist die Perspektive, die jedem Täufling in der Taufe eröffnet wird. Es ist also der Weg zu einem immer tieferen Verständnis meiner Taufe. Und wir haben als Eltern, als Paten, als Gemeinde das Privileg, für die Menschen gleichsam Pfadfinder auf diesem Weg zu sein. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Kindern in diesem Sinn hilfreiche Begleiter auf dem Weg sein können. Und dass Sie in hellen und dunklen Tagen spüren könne, dass uns hier eine unerschöpfliche Kraftquelle offen steht. Insofern ist die Taufe natürlich eine Segenskraft – aber eben in einem ganz besonderen und umfassenden Sinn.
 
Amen.
 
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