Dekan Martin Luscher

Dekan Martin Luscher


3. Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 22.01.2012, Dekan Martin Luscher

<h2 style="MARGIN: 12pt 0cm 3pt">3. Sonntag nach Epiphanias, 2. Könige 5</h2>
 
Liebe Gemeinde,
 
man kann über viele Dinge aus der Distanz reden - aber sie gewinnen ein völlig anderes Gesicht, wenn sie sich als menschliches Schicksal darstellen[1]. Nichts ist so interessant, wie Anteil zu bekommen an menschlichen Schicksalen. Vielleicht ist auch nichts so hilfreich, als von anderen zu hören, wie es ihnen ergangen ist; was ihnen geholfen hat und auch für mich eine Möglichkeit neuen Lebens sein kann.
 
So will ich Ihnen jetzt eine Geschichte von einem ganz individuellen Menschen erzählen. Es ist auch eine Geschichte von einem Menschen, der unter einer Krankheit gelitten hat und der auf ganz überraschendem, beinahe befremdlichem Weg Hilfe erfahren hat. Es ist zwar eine sehr alte Geschichte - aber Geschichten von Menschen veralten nicht und sind immer neu und frisch. Ich geben Ihnen diese Geschichte aus der Bibel in einzelnen Abschnitten wieder, weil man daran sieht, dass die Dinge auch Zeit brauchen, bis sie sich entwickeln. Dass jeder einen Weg zurück legen muss, bis er Hilfe findet und sie auch annehmen kann!
 
 
1 Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wert gehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, - jedoch aussätzig.
 
 
So ist das: Da kann einer mitten im Leben stehen, da kann einer größte Anerkennung finden in seinem Beruf, da kann einer Rang und Namen und Ansehen haben, und dennoch ist alles nichts wert, weil er an einem Gebrechen leidet. Damit fällt ein Schatten auf das ganze Leben, das einem verleidet sein kann.
 
Dabei gibt es Krankheiten, die man nicht sehen kann. Wir hören hier von Aussatz: eine Krankheit, die sich nach außen zeigt, die Abscheu erregt, die einen Menschen isoliert und auch kultisch unrein macht. Aber wie gesagt: Es gibt auch Krankheiten, die man nicht sieht. Vielleicht hat jede Zeit auch ihre eigenen Krankheiten, die auch ihre gesellschaftlichen Ursachen haben. Der Aussatz ist nicht mehr unbedingt die Krankheit unserer Epoche - aber vielleicht sind es der Krebs, die Depression, die Süchte. Ob Alkohol, Tabletten, ob Spielsucht, ob Suchtverhalten am PC, von dem man gegenwärtig manches hört - es kann sein, dass Menschen, die im Alltagsleben durchaus gut zu funktionieren scheinen, doch ein Leiden haben, das sich breit macht und die ganze Existenz in Beschlag nimmt. Bis irgendwann - wie wir das gehört haben - die Waage kippt und der Leidensdruck so stark wird, das etwas geschehen muss. Und da kann der Anstoß möglicherweise auch von außen kommen, wie sich in unserer Geschichte zeigt:
 
 
2 Aber die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans. 3 Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.
 
Niemand ist eine Insel[2], so heißt ein geflügeltes Wort. Auch der leidende Mensch nicht. Er hat z. B. eine Frau, die ihren Anteil an der Krankheit mit zu tragen hat! Und die Frau hat ein Dienstmädchen, das von auswärts kommt, auf einem ganz individuellen Weg, und jemanden weiß aus ihrer Heimat, der eventuell helfen könnte ... Wie das manchmal so ist. Außerdem hat der Menschen einen Chef, der irgendwann einmal sagt: So geht es nicht weiter mit dir, du musst etwas unternehmen. Der Mensch steht ja in einem Netzwerk drin. Und das kann bedeuten, dass irgendwann einmal der Druck steigt - der Druck in der eigenen Seele, der Druck von außen, und wenn sich dann eine Hilfemöglichkeit auftut, dann ist es so weit: Die Zeit ist reif. Der Mensch macht sich auf den Weg. Das ist nicht nur eine äußerliche Sache, wenn die Geschichte davon berichtet, wie Naaman sich auf die Reise begibt, aus Aram nach Israel - es ist auch eine tiefere Wahrheit darin enthalten. Es ist eben ein weiter Weg, den ich zurück legen muss, bis Hilfe wirksam werden kann, bis ich so weit bin, den Rat anzunehmen. Man muss u. U. vom hohen Ross herunter. Es ist ein Weg, der auch Sackgassen enthält. Dieser Mann hat jedenfalls den Entschluss gefasst, sich aufzumachen und Hilfe zu holen. Und er steht nach langem Anmarschweg vor der Tür Elisas, von dem er sich Hilfe erwartet. Wir werden sehen, wie das konkret vor sich geht! Ich verkürze die Geschichte dabei ein wenig.
 
 
8 Als Elisa, der Mann Gottes, <davon> hörte, ließ <er> ihm sagen: Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist. 9 So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. 10 Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. 11 Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. 12 Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn.
 
 
Was erleben wir? Die Hilfe, die dem Kranken angeboten wird, entspricht nicht seinen Vorstellungen! Was bedeutet das, wenn der Prophet Elisa den Naaman, der da mit großem Tross und Aufgebot erscheint, der sich so sehr hat überwinden müssen, bis er sich überhaupt aufgemacht hat, überhaupt nicht persönlich empfängt, sondern, ohne ihn in die Sprechstunde kommen zu lassen, ihm nur ein Bad im Jordan empfiehlt? Der Kranke empfindet das als absolute Missachtung und hat sich vorgestellt, dass sein Therapeut, wenn man so sagen darf, mehr therapeutischen Bohei macht. Stattdessen sagt er eigentlich nur: Wenn du gesund werden willst, musst du an dir selber arbeiten! Es muss sich etwas in dir drin abspielen! Es heißt auch, ohne dass das so ausdrücklich gesagt wird: Es ist auch eine Glaubenssache! Und gerade das wird von unserem Kranken denn doch als Zumutung empfunden. Und er ist drauf und dran, auf dem Absatz kehrt zu machen und auf die Therapie Elisas zu pfeifen. Es ist ihm noch nicht hinreichend klar geworden, was der Prophet ihm zu begreifen gibt: Nicht die Person des Helfers ist es, die da hilft. Nicht die Medikamente sind es. Das Geheimnis steckt in der Frage, die Jesus gern den Kranken gestellt hat, die zur Heilung zu ihm gekommen sind. Er hat sie bisweilen mit der Frage konfrontiert: Willst du eigentlich gesund werden? Es ist die Frage, die an die Grundfesten meiner Existenz rührt. Naaman jedenfalls ist bereit, kurz vor dem Erfolg auf dem Absatz umzudrehen und zu sagen: Ich lebe lieber weiter mit meiner Krankheit, an die ich mich gewöhnt habe, als dass ich mir so eine Kränkung antun lasse...Aber wahrscheinlich muss die Kränkung sein, um die Krankheit zu überwinden!?
 
 
13 Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! 14 Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein. 15 Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.
 
 
Jetzt, bevor alles im Unglück endet - was durchaus eine realistische Möglichkeit ist! - tritt wieder das Netzwerk hilfreich in Aktion! Schön, wenn es Menschen gibt, die einem stützen und den Rücken stärken. Die Frau, deren Dienerin, der Chef, jetzt die Mitarbeiter - sie alle tun das Ihre, um Naaman nicht fallen zu lassen. Man braucht so eine Gruppe. Man braucht Menschen um sich her, denen man wichtig ist. Wir haben vorhin davon gehört - wir erleben es auch hier in dieser biblischen Geschichte! Es ist ein tiefer Grund, dankbar zu sein.
 
Sie alle reden ihm gut zu: Es ist doch gar nichts besonderes, was du tun sollst! Versuch’s doch einfach! Jetzt bist du schon so weit gegangen, du wirst doch jetzt nicht alles auf’s Spiel setzen und gleichsam rückfällig werden!
 
Und siehe da: Mit vereinten Kräften überzeugen sie Naaman, und er badet im Jordan, und er wird wieder gesund! Und er steigt aus dem Wasser und rühmt nicht das heilkräftige Wasser. Nein, er weiß genau: Wasser allein tut’s freilich nicht - was wirklich geholfen hat, war das Wagnis des Glaubens und Vertrauens auf Gott. Und diesem Gott bezeugt er seinen Dank und seinen Respekt. Er erkennt, dass es stimmt, was 2. Mose 15 steht: Ich bin der HERR, dein Arzt. Es wäre schön, wenn die Geschichte uns ermutigen könnte zum Glauben und Vertrauen auf diese Verheißung! Amen.
 
Wir kommen zu dir, Gott, aus all unserer Unruhe,
mit so vielen Gedanken, die wir uns machen.
Wir kommen zu dir mit unseren Sorgen und Ängsten,
mit Sehnsucht und Hoffnung und zugleich friedlos im Herzen.
Hier ist ein Ort der Stille.
Hier sind Menschen vor uns getröstet und ermutigt worden.
Hier finden auch wir uns ein,
legen ab, was uns Unruhe macht und auf uns lastet.
Hier dürfen wir aufatmen
und darauf vertrauen, dass du, Gott, nahe bist.
Du sagst das Wort, das uns Mut macht,
aus dem wir neue Kraft schöpfen
für diesen und für jeden Tag.
Du bist uns nahe, Gott,
in deinem Frieden wollen wir aufatmen
 
 
 
Predigt als Download 


[1] „Sie haben recht“, < >, „der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste….“ Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre II, 4

[2] Zwei Wendungen aus dem Werk John Donnes fanden Eingang in die Populärkultur, nämlich das sprichwörtliche „Niemand ist eine Insel“ und „Wem die Stunde schlägt“ als Titel eines Romans von Ernest Hemingway. Beide stammen aus demselben Absatz in Meditation XVII:

 Niemand ist eine Insel ganz für sich; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlands. Wenn ein Erdklumpen ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn's eine Landzunge würde, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“